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Vogtlandkreis aktuell

Der Kartoffelanbau in der vogtländischen Region



Der Beginn des "Erdäpfel"- Anbaus in der vogtländischen Region

Vor über 350 Jahren begann hier der Anbau der Kartoffel als Nahrungsmittel. Im Mittelpunkt der folgenden Betrachtungen soll die Region des historischen Vogtlandes stehen. Dazu gehören das sächsische Vogtland als flächenmäßig größter Teil und die ehemals vögtischen Herrschaftsgebiete in Bayern, Böhmen und Thüringen. Erste schriftliche Nachweise zum Kartoffelanbau datieren aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Vor allem Verhandlungen zur Hofübergabe, aber auch Streitigkeiten vor Gericht über Fronleistungen und Abgaben belegen den Anbau von Kartoffeln.

Wie hat sich die Kartoffel als Nahrungsmittel durchgesetzt?

Ihr Anbau erfolgte ohne erheblichen Aufwand: sie wurde in Beete gelegt und mit einfachen Werkzeugen ausgegraben; auch bei ungünstigem Wetter konnte sich der Ertrag sehen lassen. Kartoffeln wachsen in kargem Boden und vertragen ein durchaus rauhes Klima (Ursprung sind die Hochlagen der südamerikanischen Anden). Der damals als Hauptnahrungserwerb betriebene Getreideanbau war gegenüber dem Kartoffelanbau wesentlich anspruchsvoller. Vor allem hielt sich in den fruchtbaren, klimatisch begünstigten Niederungen Deutschlands das Getreide länger; das Interesse, sich dem Kartoffelanbau zuzuwenden, war dort weit geringer.

Die seit dem Mittelalter vorherrschende Dreifelderwirtschaft bestimmte den Anbau von Winter- und Sommergetreide im Jahreswechsel, wobei stets ein Drittel der Felder unbebaut blieb. Diese Brachen künftig für den Kartoffelanbau zu nutzen, missfiel den Rittergutsbesitzern. Sie besaßen das Trift- und Hutungsrecht, das insbesondere zum Weiden ihrer Schafherden genutzt wurde. Die Missbilligung zeigte sich auch eine zeitlang durch mutwillige Zerstörung der auf den Brachen angelegten Kartoffelbeete. Letztendlich erkannten auch die Gutsherren den Nutzen der "Erdäpfel", sie begannen auf den freien Feldern der Rittergüter mit ihrem Anbau und gaben ihre Erfahrungen an verwandte und befreundete Adelsfamilien weiter. Anfangs weigerten sich die Fronarbeiter, Tätigkeiten beim Kartoffelanbau auszuführen, da diese bisher nicht in den Fronabreden abgesprochen waren. Überliefert sind gerichtliche Auseinandersetzungen u. a. 1690 in Lunzig, 1696 in Christgrün, um 1700 in Pöhl und Triebes sowie 1701 in Schneidenbach und 1758 in Leubnitz/b. Plauen.

Die neue, bislang noch unbekannte Frucht wurde zunächst auch von der Kirche missbilligt: Die Erdäpfel wachsen unter der Erde im Dunkeln; gehören zu den Nachtschattengewächsen; sie stammen von den südamerikanischen Heiden… In den folgenden Jahrzehnten widmeten sich jedoch viele Theologen in Veröffentlichungen und sogar in Lehrbüchern der Entwicklung des Kartoffelanbaus. Besonders in den ärmeren Gegenden erkannten die Pfarrer den Wert als Nahrungsmittel und ermunterten in sogenannten Knollenpredigten zum Anbau.

Von jeher waren Abgaben an die Obrigkeiten zu entrichten, damals war es der "Zehnt", d.h. der zehnte Teil des Ertrages wurde abgegeben. Die neuen Früchte, die "Erdäpfel", die noch nicht unter die Abgaben eingeordnet waren, nutzten die Bauern, um weniger Getreide und mehr Kartoffeln anzubauen. Grundherren und Kirche erhielten fortan weniger Abgaben, in dessen Folge zahlreiche Zehnt- Streitigkeiten entstanden, so u.a. 1697 in Pilgramsreuth um den "Pfaffenscheffel". Oft nutzten die Bauern ihre Hausgärten zum Kartoffelanbau, um die Abgaben zu umgehen. Bereits 1711 deklarierten kurfürstliche Steuer- Inspektoren die "Erdäpfel" als "akzisepflichtig", worüber sich die Räte von Plauen und Oelsnitz beschwerten.

Infolge von Industrialisierung und Hungersnöten nahmen die Ausnutzung der Anbauflächen und die Verwendung der Kartoffel als Nahrungsmittel zu; "Erdäpfel am Tag dreimal" war die Regel. Kennzeichnend für die traditionelle Lebensweise der Region ist heute noch die Feststellung: "die vogtländische Küche gäbe es nicht ohne die Kartoffel".

Wie hat sich das Wissen über Beginn und Ausbreitung des "Erdäpfel"- Anbaus entwickelt?

Namhafte Historiker, Fachexperten, Chronisten und Heimatforscher publizierten bisher mehr als 100 Artikel über den frühen Kartoffelanbau. Die teilweise veröffentlichten Arbeiten zum Thema zeigen den unterschiedlichen Kenntnisstand der Autoren über den Ausbreitungsweg der "Erdäpfel". Dazu einige Beispiele:

1731 schrieb Pfarrer Marbach in seiner Schönecker Chronik: Die weißen Erdäpffel sind nebst denen Klößen in allen Häußern die ordinäre Zukost. Es sind aber diese Erdäpffel hier zu Lande vor 50 und mehr Jahren eine ganz neue, und sonst ungewöhnliche Speise gewesen und kann man nie keine gewisse Nachricht geben, wer solche zuerst mit ins Vogtland gebracht habe.

1770 gibt Johann Adam Ludwig in seinem Buch "Abhandlungen von den Erdäpfeln" auszugsweise eine Gerichtsverhandlung in Hof aus dem Jahr 1697 wieder, in der es heißt: Hanns Grieshammer zu Selb [hat 1691 vor Gericht] ausgesagt: Das wie der Schwede im Jahr 1647 Hof eingenommen, wären noch keine Erdäpfel an dem Ort seines damaligen aufenthalts, 2 stunden von Hof gewesen, aber bald danach hingekommen und er wisse ganz wohl , daß Hanns Rogler, mit dem er ehedessen gedroschen, die ersten Erdäpfel von Roßbach dahin gebracht. Das ist bis heute die am weitesten zurückreichende konkrete Aussage zum Anbaubeginn.

1819 bestätigte Pfarrer Dr. Carl Wilh. Ernst Putsche, Weimar, in seinem Buch "Versuch einer Monographie der Kartoffel" den frühen Erdäpfelanbau: Auf gleiche Weise mögen sie auch damals in Sachsen eingeführet worden sein, denn ein Hans Rogler, ein Bauer aus Selb im Voigtlande brachte um das Jahr 1647 oder 1648 von Roßbach die ersten Erdäpfel dahin.

1824 verbreitete Ministerial-Sekretär Karl Aug. Engelhardt in seinem Buch "Vaterlandskunde für Schule und Haus im Königreiche Sachsen" folgende Lehrmeinung: Das Dorf Würschnitz, zwischen Oelsnitz und Adorf ist die Heimat unseres segenreichen Erdäpfelanbaues - denn hier war es, wo am Ende des 17. Jh. ein junger Bauer, der in England gewesen war und Erdäpfel dort kennengelernt hatte, die ersten in seines Vaters Garten pflanzte.... Im Meisnischen lachten die Bauern lange über die Voigtländischen Knollen, wie sie die neue Frucht nannten, verspotteten die Prediger, welche von der Kanzel zum Anbau derselben ermahnten und nannten ihre Ermahnungen sogar Knollenpredigten - dankten aber Gott und ihren Pfarrherren dafür und schämten sich des blinden Eifers." Der junge Bauernsohn hieß Hans Wolf Kummerlöw und wurde so als "erster Erdäpfelan-bauer" überliefert. Dies wurde jedoch später mehrfach widerlegt.

1902 veröffentlicht Prof. Dr. Eduard Johnson, Plauen, in seinem Aufsatz "Urkundliches über den ersten Kartoffel-Feldanbau in Sachsen": Endlich findet sich in den Schönberger Gerichtsakten vom 12. Februar 1680, das Veit Wolfram zu Schönberg dem Michael Pickel ebenda vor den von Reitzensteinschen Gerichten vorgeworfen hat, er sei ihm Erdäpfel schuldig geblieben. Weiterhin bemerkt Johnson: Unter den deutschen Ländern ist Sachsen das erste gewesen, in welchem der Kartoffelanbau im Großen betrieben wurde.

1956 publiziert Kurt Hallbauer, Neumark, dass ebenfalls 1680 im Gerichtsbuch von Neuenschönfels der Kartoffel-Feldanbau in Altrottmannsdorf bezeugt wird.

1977 macht Arno Ritter in seiner "Roßbacher Kartoffelhistorie" auf Urkunden zu Hofübergaben mit Erdäpfelbehalt aus dem damaligen Gerichtsbezirk Voigtsberg (Oelsnitz) aufmerksam, wie beispielsweise eine Hofübergabe in Lottengrün von 1675 und in Unterwürschnitz von 1699. Über einen "Hofstammbaum" wurde nun ermittelt, dass es letzteren Hof heute noch gibt und die damaligen Hofabgebenden diesen 1681 übernahmen, womit ein "Anbaubeginn- Zeitraum" nachweisbar wird.

Seitdem trugen und tragen weiterhin Forschungsarbeiten zur Vervollständigung des Wissensstandes bei. Die wohl am weitesten verbreitete Darstellung finden die um 1756 von Friedrich dem Großen erlassenen Kartoffelbefehle und die Tricks, die er anwandte, um seinen preußischen Untertanen die Kartoffel schmackhaft zu machen. Diese amüsanten Geschichten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Einführung der Kartoffel als "wohlfeiles Nahrungsmittel" nicht zuerst in Preußen erfolgte. Friedrich der Große trug jedoch dort maßgeblich zu deren Verbreitung bei.

Der frühe Anbau der Kartoffel als Nahrungsmittel begann in der vogtländischen Region in der Mitte des 17. Jahrhunderts (siehe Karte). Ob die "Erdäpfel" von hier aus ihren Siegeszug innerhalb Deutschlands antraten, wie es einige Veröffentlichungen behaupten, ist nicht belegt. Nachweislich erfolgte ihre Verbreitung teilweise abhängig als auch unabhängig voneinander.

Karte Nachweisebare Ersternennung des frühen Kartoffelanbaus als Nahrungsmittel in der vogtländische Region 1627 bis 1750

Text & Karte: Winfried Taubner, Unterwürschnitz 2014. Unter Einbeziehung von Horst Fröhlich, Verein der Freunde und Förderer des Vogtlandmuseums Plauen e.V. und besonderer Unterstützung des Historischen Archivs des Vogtlandkreises, mitgetragen vom Verein für vogtländische Geschichte, Volks- und Landeskunde e.V. Der Inhalt beruht auf den in der Heimatstube Unterwürschnitz gesammelten Quellen zu diesem Thema, die auch in die Gestaltung des Kartoffellehrpfades "Vogtländischer Knollensteig" eingegangen sind.

 



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